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Ein etwas seltsames Weihnachtsevangelium

Ralf Dillinger hatte beschlossen, seinem Sohn Markus die Geschichte von der Geburt des Christkinds zu erzählen. Zwar erschien ihm Markus mit seinen vier Jahren noch ein bisschen jung, aber da der Junge einen ungewöhnlich großen Gefallen an der Weihnachtskrippe gefunden hatte, meinte er, es sei vielleicht doch an der Zeit.

„Ich will dir eine Geschichte erzählen.“, sagte er zu Markus, „Keine aus dem Märchenbuch, sondern eine, die wahr ist. Hör gut zu: Es war zu der Zeit, als Kaiser Augustus …“
„Was ist ein Kaiser, Papi?“, unterbrach ihn der Junge.
„Also, ein Kaiser ist ein Mann, der ganz viel zu sagen und zu bestimmen hat, über viele Leute, die man Untertanen nennt …“
„So wie der Herr Prattke?“ Herr Prattke war der Chef von Herrn Dillinger, und Ralf erzählte manchmal von ihm, wie er dies oder jenes anordnete, das ihm nicht so recht passte.
„Na ja, ein Kaiser ist schon viel mehr als der Herr Prattke“
„Und du, Papi, bist du ein Untertan?“
„So kann man das nicht sagen… Also, Kaiser Augustus wollte einmal wissen, wie viele Menschen in seinem Reich lebten, und er beschloss, sie zu zählen. Jeder musste in den Ort gehen, wo er geboren worden war und sich dort melden. Da ging auch ein Ehepaar, Maria und Josef, in die Stadt Bethlehem, wo Josefs Eltern zu Hause gewesen waren.
„Maria heißt auch Frau Klemm, die Mutti manchmal ihre Kleider umändert. Wann war denn das, das mit dem Kaiser und dem Zählen?“
„Das ist schon sehr, sehr lange her.“
„Noch bevor Mutti ins Krankenhaus musste?“
„Lange davor. Also weiter. Maria erwartete ein Kind, und der weite Weg nach Bethlehem fiel ihr sehr schwer.“
„Konnten sie denn nicht mit dem Flugzeug fliegen oder mit der Eisenbahn fahren?“
„Flugzeuge und Eisenbahn gab es damals noch nicht. Als sie in Bethlehem angekommen waren, waren sie sehr, sehr müde und suchten einen Platz zum Schlafen in einer Herberge“
„Was ist eine Herberge?“
„So etwas wie ein Hotel“ sagte Herr Dillinger, und hatte das Gefühl, sich einer unmöglichen Aufgabe unterzogen zu haben. Aber nun hatte er schon einmal angefangen und musste das durchstehen.
„Aber alle Herbergen waren schon überfüllt, weil ja viele Leute, um sich zählen zu lassen, unterwegs waren. Schließlich durften sie in einem Stall übernachten“.
„Was ist ein Stall?“
„So etwas wie eine Garage. Nur sind da keine Autos drin, sondern Tiere, Ochs und Esel“.
„Einen Esel kenn ich vom Tischleindeckdich“.
„In der Nacht wurde das Kind geboren. Es war ein sehr schönes und liebes Kind, das Christkind, das dir alle Weihnachten die schönen Sachen bringt. Es hat alle Menschen lieb: dich, mich und eben alle.“
„Auch die Bösen?“
„Ja, auch die Bösen. Die besonders, denn es wollte, dass sie wieder gut werden.“

Uff, das wäre geschafft. Herr Dillinger hatte das Gefühl, einen riesigen Stapel Holz gesägt zu haben und verzog sich ins Nebenzimmer, um ein bisschen auszuruhen.
Eine Stunde später öffnete er die Tür zum Kinderzimmer, in dem es ungewöhnlich still war. Da saß Markus, hatte seinen Teddy Brummi auf dem Schoß und sagte:

„Brummi, ich muss dir eine wahre Geschichte erzählen, hör gut zu. Bevor Mutti ins Krankenhaus musste, wollte ein Kollege von Herrn Prattke seine Untertanen zählen. Alle mussten dorthin gehen, wo ihr Vater zu Hause gewesen war. Sie gingen zu Fuß, weil kein Flugzeug flog und keine Eisenbahn fuhr, wahrscheinlich war Streik. Auch Josef und Maria, wahrscheinlich Frau Klemm, gingen nach Bethlehem. Das war schlimm, denn Maria kriegte ein Baby. In Bethlehem gab es in der „Traube“ und im „Löwen“ keinen Platz mehr. Da mussten sie in einer Garage übernachten, wo ein Ochs und Esel wohnten. In der Nacht wurde das Baby geboren. Es war das Christkind, und es hatte alle Leute lieb. Mami und Papi und auch den Herrn Hufnagel, der immer mit mir schimpft, wenn mein Ball in seinen Garten fällt.“

Vater Dillinger, der mit allerlei Bedenken zu kämpfen hatte, als er diese etwas seltsame Weihnachtsgeschichte hörte, wurde es auf einmal froh und leicht ums Herz. Zwar hatte Markus Orte, Zeiten und Namen völlig durcheinandergebracht, aber das, worauf es ankam, die Botschaft, hatte er verstanden.

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